Eine verkehrte Welt

Leben im digitalen Overkill

Spätestens seit die Mehrheit der büroarbeitenden Bevölkerung ins Homeoffice geschickt wurde und der Unterricht in Europa digital läuft, danken wir für den errungenen technologischen Fortschritt. Fast wie an einem Strohhalm hängen wir für die Kommunikation an unseren internetfähigen Geräten.

Wenn der Alltag so stark online funktioniert, setzt ein Gegentrend ein, eine Besinnung. Wenn die Augen vom Bildschirm müde geworden sind, schauen wir gerne in die Natur, die uns mit ihren spriessenden Blumen und blühenden Bäumen Hoffnung gibt. Wie angenehm und erholsame ist doch das Offline Leben. Die erzwungene Stille wird langsam zum Segen. Sie setzt mehr und mehr Kreativität frei und steigert unsere digitale Kompetenz. Das alles erscheint uns als Paradox und doch zeigt es, dass der technologische Fortschritt nicht zu verteufeln ist, sondern richtig zu gebrauchen.

Jetzt erhalten wir alle eine neue Chance im Umgang damit:

Wenn also Schule und Arbeit in so starkem Mass digitalisiert sind, müsste dann nicht die Freizeit offline stattfinden? Wie wäre es mit einem Puzzle? Oder einem Brettspiel? Einem Liegestützen-Wettbewerb. Endlich haben wir wieder die Möglichkeit fürs Leben zu lernen und unseren Kindern praktische Fähigkeiten beizubringen. Das Umdenken findet auf verschiedenen Ebenen statt.

In den Büchern zum digitalen Minimalismus wird zwischen minderwertigen und Qualitäts-Freizeitaktivitäten unterschieden. Auf dem Smartphone irgendetwas zu surfen und ohne genau Intention vom einen zum anderen zu wischen, wäre minderwertig. Natürlich vergeht die Zeit auch, aber die Beschäftigung hinterlässt eine gewisse Leere. Deshalb ist es wichtig (auch für den freiwilligen digitalen Entzug) zu überlegen, welche Qualitäts-Freizeitaktivitäten im Tagesplan stehen. Wolltest du schon lange einmal einen Song deiner Lieblingsgruppe auf der Gitarre spielen können? Mach einen Plan, wie das Realität werden könnte. Mein Klavierlehrer hatte einen guten Spruch an der Wand hängen: „Musik hören ist gut, Musik machen besser.“ Ein Instrument spielen oder singen … einfach nur für dich selbst, ohne Zweck und ohne Publikum. Du wirst sehen, es macht glücklich und entspannt.

Denn so wie der Körper drei Grundnährstoffe braucht (Kohlenhydrate, Eiweiss und Ballaststoffe), so spricht man auch von den drei Nährstoffen für die Seele:

Autonomie, Kompetenz und das Gefühl der sozialen Eingebundenheit. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder! Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir unsere Lebensgewohnheiten und dementsprechend die Erziehung unserer Kinder darauf abstimmen.

Bereits parallel zu diesem Prozess hilft es, die Stille und Einsamkeit zu suchen. Denn wie schon Gottfried Keller sagte: „Ruhe zieht das Leben an.“ Offensichtlich entspringt der Ruhe eine Quelle, aus der wir schöpfen können. Erst vor zwei Jahren habe ich entdeckt, welch ein Reichtum darin liegt, eine ganze Woche im Schweigen zu verbringen, zu meditieren, den Kopf und das Herz von allem Ballast reinigen zu lassen. In diesem Jahr hat mir ein anderer Teilnehmer gesagt, dass es das erste Mal seit 25 Jahren war, dass er sein Handy ausgeschaltet liess. Für ihn eine totale Befreiung.

Vielleicht ist das die echte Frage: Worin sind wir versklavt? Wo fühlen wir uns eingeengt und gebunden? Was für ein Glück, dass Karfreitag und Ostern auch in diesem Jahr nicht ausfallen! Vielleicht feiern wir in anderer Form, aber der Kern der Botschaft bleibt derselbe: Alles Leid der Welt und der Skandal des Kreuzes wurde durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ein für alle Mal erlöst – aus Tod wurde Leben. Glauben wir es, begeben wir uns mit unserem Leben in das Geschehen von damals hinein und werden auch wir zu neuem Leben erweckt – mit und ohne Smartphone.

Herzlichst,

Elke Pfitzer